Storytelling

Mit einer Geschichte berühren statt mit reinen Fakten um sich werfen

Martins abwesender Blick mustert die Leinwand: Zahlen, Diagramme, Balken und noch mehr Zahlen: Der "Big Boss" steigert sich begeistert in seine Präsentation über das vergangene erste Halbjahr und die Ziele für die zweite Hälfte. Die Fachbegriffe und Zahlen fallen wie trockenes Laub auf den Boden – ohne dass sie die Anwesenden berühren. Gelangweilt notiert sich Martin die eine oder andere Zahl. Dabei müht er sich ab, dass seine Gedanken bei der Präsentation bleiben und die Augen offen.

In der Pause holt sich Martin einen besonders starken Kaffee und stellt sich zu Sandra. Sie ist umringt von fünf Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Abteilungen, die sie über ihren gerade erlebten Australien-Aufenthalt ausfragen. "…machten wir einen Ausflug an einen Fluss", erzählt sie gerade. "Wenn ich gewusst hätte, was da kommt,ich wäre nie im Leben mitgegangen." Wie um das Kommende abzuwehren, winkt sie mit beiden Händen wehement ab. "Zu dritt stiegen wir jeweils in ein offenes Boot, so etwa drei Meter lang, mit Aussenborder. Unser Guide schärfte uns ein, auf keinen Fall auch nur den kleinen Finger aus dem Boot, geschweige denn ins Wasser zu halten." Martin liess den Kaffeebecher vor seinen Lippen schweben. "Die sehen wirklich aus wie Baumstämme, wenn sie reglos am Ufer liegen. Jedenfalls war ich mit zwei jungen Männern im Boot und kriegte fast einen Herzinfarkt: Der am Steuer, der fuhr SO nahe heran. Und ich sass doch vorne!" Mit den Händen zeigte sie einen Abstand von einem halben Meter. Thomas riss die Augen auf, einigen Zuhörern entfährt ein entsetzter Laut. Dieser geht im Klatschen des Sitzungsleiters unter: "Leute, die Sitzung geht weiter!"

Am nächsten Tag steht Lukas vor Martins Schreibtisch: "Und, wie lief gestern die Sitzung? Was hat der 'Big Boss' erzählt?" Martin kramt in seinen Erinnerungen. Alles, was er vor sich sieht ist ein Motorboot, das wenige Zentimeter vor der geöffneten Schnauze eines Krokodils liegt. Zahlen, Diagramme, Fakten – alles weg.


So geht es uns allen: Geschichten, die uns berühren, bleiben in Erinnerung. Reine Fakten aber haben es schwer, sich in unserem Gedächtnis zu verankern. Genau das ist das "Geheimnis" hinter Storytelling, das insbesondere mit dem Marketing in den Sozialen Medien einen Aufschwung bekam.

Neu ist die Idee allerdings nicht: (Werbe-) Botschaften sollen in Geschichten verpackt werden, die Marke oder das Produkt in den Köpfen verankern und so die Kundschaft schliesslich zum Kauf anregen.

Vorbereitung auch bei Storytelling

Wichtig auch bei dieser Methode: Es muss – genau wie jeder andere Text – gut überlegt und vorbereitet sein. Unter anderem sollten Sie folgende Fragen beantworten:

  • Welche Informationen will ich vermitteln, und wie kann ich diese massiv vereinfachen?
  • Finde ich dazu eine Geschichte, die meine Zielgruppe interessiert, und die in ihre Lebenswelt passt?
  • Passt die Geschichte auch zu meinem Unternehmen?

Wann Storytelling?

Geeignet ist die Methode Storytelling für verschiedene Bereiche in der Kommunikation, zum Beispiel:

  • Werbung, PR, Marketing in verschiedenen Medien
  • Wissen vermitteln z. B. bei einer Weiterbildung
  • Rede, Vortrag, Präsentation

Persönliches  Fazit

Storytelling macht Sinn, um die Aufmerksamkeit der LeserInnen zu erregen. Je nach Zielgruppe, Ziel und Botschaft des Textes (oder einer anderen Marketing-Aktion) eignet sich reines Storytelling oder teilweises Storytelling (z. B. Einleitung). Alle Fakten können aber nicht in einer Geschichte verpackt werden, es hat definitiv seine Grenzen. Deshalb ist es wichtig, gut zu überlegen, ob und wie Informationen in eine sinnvolle, plausible und interessante Geschichte verpackt werden können.

Übrigens: Das Abenteuer in Australien erlebte ich tatsächlich selber, als ich vor (ich sag jetzt nicht wievielen) Jahren für vier Monate in Down Under war. Das Schlimmste für mich war allerdings: Ich sah zwar die riesigen Salties (Salzwasserkrokodile, die agressiven) am Ufer liegen. Ich wusste allerdings, dass UNTER MIR noch zahlreiche andere schwammen oder lagen. Mit einem einzigen Schwanzschlag hätten die unser Boot umwerfen können.